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Multinomiale Modellierung in der Kognitiven Psychologie

Prof. Dr. Edgar Erdfelder, Universität Mannheim

Eines der Kernprobleme kognitionspsychologischer Forschung ist die Messung kognitiver Prozesse. Beobachtbare Verhaltensweisen (z.B. Antworten in Gedächtnis-, Urteils- oder Schlussfolgerungstests) können oft durch mehrere unterschiedliche Prozesse bedingt sein, so dass ein einfacher Rückschluss von der beobachteten Verhaltensweise auf den zugrunde liegenden kognitiven Prozess im Regelfall nicht möglich ist. Die Technik der multinomialen Verarbeitungsbaumodellierung ermöglicht es jedoch, die Wahrscheinlichkeiten verschiedener kognitiver Prozesse, die bestimmten Reaktionsklassen zugrunde liegen, aus den Häufigkeiten verschiedener Reaktionen zu schätzen und damit messbar zu machen.

In dem Blockseminar soll in die Technik der multinomialen Verarbeitungsbaumodellierung (Batchelder & Riefer, 1999; Erdfelder, im Druck; Riefer & Batchelder, 1988) theoretisch und praktisch eingeführt werden. Die Vorteile und möglichen Nachteile dieses Ansatzes im Vergleich zu alternativen Methoden werden ausführlich diskutiert. Die Einführung erfolgt an vielen konkreten Forschungsbeispielen aus den letzten 20 Jahren und wird u. a. die Forschungsgebiete Arbeitsgedächtnis, episodisches Langzeitgedächtnis, semantisches Gedächtnis, Lernen, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, schlussfolgerndes Denken und Urteilen berühren. Deutlich gemacht wird, dass die Technik der multinomialen Modellierung auch außerhalb der Kognitiven Psychologie nutzbringend eingesetzt werden kann.

Neben der praktischen Einführung in die Modellklasse werden statistische Probleme der Datenanalyse und Modellprüfung besprochen. Der Zugang wird anwendungsorientiert sein. Mathematische Grundlagen werden nur so weit aufgearbeitet, wie es zum Verständnis praktisch relevanter Probleme und möglicher Lösungsansätze nötig ist. Hierzu zählen Probleme der Parameteridentifizierbarkeit, der Parameterschätzung, der Modellanpassungsprüfung, der Datenäquivalenz verschiedener Modelle, der psychologischen Modellvalidierung und der Robustness der Analyseergebnisse gegenüber Verletzungen der Verteilungsvoraussetzungen. Möglichkeiten der Maximierung der Teststärke beim Vergleich verschiedener Modelle werden ebenfalls diskutiert.

Die Handhabung der einschlägigen Computerprogramme MBT (Hu, 1999) und AppleTree (Rothkegel, 1999) wird von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an konkreten Beispielen eingeübt.

Voraussetzungen:
Grundkenntnisse in Statistik, wie sie in den ersten beiden Semestern des Psychologiestudiumsvermittelt werdenInteresse an formaler Modellbildung